Der
dritte Blick: Kontrollverlust als Strategie
in der aktuellen Arbeit von Gerold Tagwerker
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Auf den ersten Blick verlangt die Arbeit Gerold Tagwerkers eine Besprechung
vor den Formulierungen der Minimal Art, auf die der Künstler selbst
sich immer wieder explizit bezieht; auf den zweiten Blick entäußert
seine Arbeit nicht nur Bestätigung, sondern auch spielerische Verfremdung
und Umdeutung derselben (wie es 40 Jahre „danach“ gar nicht
anders sein könnte), ohne jedoch eine kritische Analyse oder gar
Dekonstruktion zu bemühen. Im heutigen Diskurs der künstlerischen
Praxis als Identitätskonstruktion und Erkenntnisproduktion finden
die minimalistischen Überzeugungen nur schwer einen Platz; ihre
Verweigerung von Narration, Referenz und Aura scheint im gegenwärtigen
Wahrnehmungskontext nicht mehr konsequent zu funktionieren, und auch
ihr Bruch mit den europäischen Traditionen mutet derzeit fast nostalgisch
an. Vor diesem Hintergrund wird ein „dritter Blick“ auf
Tagwerkers Arbeit möglich, der das Experiment versuchen will, so
zu tun, als hätte es die 60er Jahre nie gegeben, und stattdessen
eine Annäherung im kulturwissenschaftlichen Sinne vornehmen möchte.
Dabei sollen vier zentrale Aspekte untersucht werden, die zwar durchaus
zum minimalistischen Diskurs gehören, jedoch auch jenseits davon
Bedeutung produzieren: das Licht, der Rhythmus, der Spiegel und das
Raster.
Die Abschaffung des Schattens
Trotz aller physikalischen Erkenntniserweiterungen bleibt das Phänomen
Licht ein eigentümliches Rätsel. Sein Geheimnis, das heute
vor allem in seiner gleichzeitigen Existenz als Teilchen und Welle liegt,
beginnt schon in den religiösen Schöpfungsmythen. Im ersten
Kapitel der Genesis heißt es: „Und Gott sprach: Es werde
Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war.
Da schied Gott das Licht von der Finsternis." Erstaunlicherweise
bleibt in dieser Erzählung das Licht zunächst Teil der Finsternis
– es co-existiert offensichtlich mit der Dunkelheit – bis
Gott es von ihr trennt und es bekanntlich dem Tag zuordnet. Vor dieser
Trennung gilt jedoch ein Zustand, in dem Licht und Dunkelheit sich nicht
ausschließen.
Gerold Tagwerker ist nun alles andere als ein creator ex nihilo, schließlich
greift er bei seiner Arbeit auf vorgefundenes, industriell gefertigtes
Material zurück, das er einer subjektiven Selektion unterzieht.
Seine Lichtskulpturen und -installationen besetzen das Licht als kunstfähiges
Material, das Tagwerkers formale Konstruktionen nicht nur rhythmisch
erleuchtet und so in ihren Einzelteilen lesbar macht, sondern gleichzeitig
über ihre konkrete Form hinausweist und den Aspekt des Magischen
einführt, der – bei aller physikalischen Nachvollziehbarkeit
der Schaltkreise – im Moment des einlassenden Betrachtens passiert.
War im Schöpfungsmythos die Scheidung von Tag und Nacht ein Akt
der Kontrolle – die Austreibung des vorigen „ambivalenten“
Zustands, die Bezeichnung der dualen Prinzipien – führen
uns Lichtskulpturen wie „11x58W/133.flash“ oder „cube.cool
white“ zurück in den nicht-kontrollierbaren Raum der friedlichen
Co-Existenz von Licht und Dunkel, in den quasi vorsprachlichen Bezirk
von angenommenen Gegensätzen, die jedoch unabhängig voneinander
bleiben und damit ihre Gegensätzlichkeit verlieren. Denn Gerold
Tagwerkers Licht-Material funktioniert nicht in Abhängigkeit zu
dem Helligkeitsgrad der Umgebung, es funktioniert je nach Helligkeitsgrad
einfach nur anders.
Speziell Leuchtstoffröhren aller Art sind aus modernen Städten
nicht mehr wegzudenken, sie sind gleichsam zum Zeichen für städtisches
Leben überhaupt geworden. Und so finden sich Licht-Arbeiten wie
„13x58W/133.flash“ oder „11x58W/840.flash“ bevorzugt
im öffentlichen Raum (im Kontext von Natur wären sie sinnlos),
wo sie Tag und Nacht ihre unterschiedlichen Möglichkeiten vorführen.
Sobald Tagwerkers Lichtskulpturen in architektonischen Innenräumen
installiert werden, scheinen sie jene sofort austreiben zu wollen, indem
sie ihnen ihre Gültigkeit absprechen: Noch der stärkste Beweis
einer Innenraumstruktur wird in solcher Konfrontation zum irritierenden
Verweis auf Struktur und Oberfläche eines Außenraums, der
immer urban zu deuten ist. Leuchtstoffröhren und Urbanität
scheinen einander also beinahe zwangsläufig zu bedingen; kein Wunder,
wenn man bedenkt, daß die öffentliche Beleuchtung seit fast
dreihundert Jahren ganz konkret die urbanen kulturellen Praktiken beeinflußt.
Von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an ist die Straßenbeleuchtung
in den europäischen Metropolen dokumentiert; so installierten in
dieser Zeit zum Beispiel Paris, Berlin und Leipzig Öllampen im
großen Stil, was enorme Konsequenzen für das Nachtleben bedeutete.
Der Einsatz von Gaslicht als Straßenbeleuchtung (seit 1820) findet
seinen Niederschlag sogar in einer ganzen literarischen Gattung, den
„gaslight novels“: Kriminal- und Schauerromanen, die ihre
Spannung aus dem „Dazwischen“, dem Halbdunkel und seinen
flackernden Schatten beziehen, das durch die neue Beleuchtungsform überhaupt
erst geschaffen wurde. Und mehr als hundert Jahre später texten
Kraftwerk „Neon Licht, schimmerndes Neon Licht / Und wenn die
Nacht anbricht / Ist diese Stadt aus Licht“ – die Stadt
wird einerseits durch Beleuchtung dem Bewohner nachts überhaupt
erst zugänglich gemacht, andererseits gewinnt sie einen neuen (symbolischen)
Urzustand von Dunkelheit, der durch zivilisatorische Beleuchtungspraxis
jedoch nicht aufgehoben sondern de facto nach-geschaffen, re-konstruiert
wird.
Gerold Tagwerker bricht in seiner Arbeit mit diesem fast zweihundert
Jahre alten (kulturellen) Verständnis einer gegenseitigen Abhängigkeit
von städtischem Hell und Dunkel, das – wie bei den „gaslight
novels – die urbane Praxis entscheidend geprägt hat und bestimmte
„Typen“ des Stadtbewohners, die mit dem erstarkenden Bewußtsein
von Individualität ausgestattet waren, mitproduzierte. Seine Licht-Installationen
stellen eben diese Typen und das mit ihnen einhergehende Individualitätskonzept
konsequent in Frage, indem sie dem Betrachter (zumindest in dessen Wahrnehmung)
nicht nur Beleuchtung sondern vor allem den Schatten verweigern, und
zwar den eigenen ebenso wie die „dunkle Stelle“, die dem
Stadtbewohner seit der Einführung des Gaslichts vertraut ist. Der
eigene Schatten ist (ähnlich wie das Spiegelbild) Beweis der eigenen
Existenz und Zeichen dafür, daß diese Existenz Konsequenzen
hat für den sie umgebenden Raum, den der Schatten markiert. Er
beinhaltet also Selbst- und Weltvergewisserung zugleich. Wenn wir Gerold
Tagwerkers Licht-Installationen betrachten, sehen wir weder den eigenen
noch den Schatten des Anderen – das Licht steht in keiner Referenz
zu uns, es steht für sich selbst und für den urbanen Außenraum.
In diesem war Beleuchtung eine entscheidende Voraussetzung für
die Erfahrung der städtischen Nacht gewesen, die dadurch trotzdem
dunkler wurde als die Nacht in der „freien Natur“. Das Gaslicht
hatte das Flackern in den öffentlichen Raum geholt und so erst
den vom Licht nicht getroffenen Raum beschrieben, an dem dunkle Phantasien
und Möglichkeiten angreifen können. Wir haben uns diese sich
bedingende Dualität, die nur eine Variation der zitierten Dualität
aus der Genesis darstellt, längst (kulturell und psychologisch)
zu eigen gemacht:„Licht und Schatten muß es geben, soll
das Bild vollendet sein...“. Mit dem Besitz dieser Poesiealbum-Formulierung
sind wir im Besitz von Kontrolle. Gerold Tagwerker hingegen vollendet
kein Bild, er raubt uns die gemütliche Denkbarkeit der Dualität
und führt uns vor, daß dieses Prinzip eine Scheinkonstruktion
bleibt, die schon im 19. Jahrhundert nur kurzfristig als Erklärungsmodell
für urbanes Leben funktionierte. In der Konfrontation mit der gegenwärtigen
Stadt, die gemeinhin als nicht lesbare Struktur identifiziert wird,
ist dieses Erklärungsmodell zum Scheitern verurteilt. Der Künstler
selbst scheint in seiner Auseinandersetzung mit Stadt dazu gekommen
sein, die diffuse Permanenz von nicht-vertreibbarer und nicht-verstärkbarer
„Dunkelheit“ zu akzeptieren, die keinen weiteren Schattenwurf
mehr benötigt, um vollständig zu sein.
Sein Licht ist zweckfrei und provoziert keine urbane Möglichkeit
von Konsum; es spielt keine Rolle, ob es tags oder nachts leuchtet,
denn es bezieht sich ausschließlich auf einen städtischen
Zustand, der unabhängig vom Helligkeitsgrad fortdauert; und es
bedeutet nur sich selbst und die Urbanität, die es zugleich bezeichnet
und produziert. Vor diesem Hintergrund wird Tagwerkers künstlerischer
Einsatz von Leuchtstoffröhren – frei nach Richard Sennet
– zu einer mahnenden Liebeserklärung an die Großstadt
selbst, die in die Krise gerät, wenn Maßstäbe des individuell
Denk- und Kontrollierbaren auf sie angewandt werden, und die Urbanität
zurückgewinnt, wenn ihre Bewohner die Konfrontation mit der Stadt
als Kontroll-verlust und Herausforderung zulassen können.
Der Rhythmus des Zufalls
Wer in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich vielleicht
an ein elektronisches Spielzeug jener Zeit namens „Senso“.
Senso war ein ufo-ähnliches Objekt, auf dessen kreisförmiger
Oberfläche vier erleuchtbare Flächen in den Farben rot, blau,
gelb und grün installiert waren. Nach einem Zufallsprinzip gab
das Spielzeug eine Farbfolge vor, indem es die vier Flächen in
verschiedener Reihenfolge aufleuchten ließ. Die Aufgabe des Spielers
war es, die immer länger werdenden Reihenfolgen durch das Drücken
der jeweiligen Farbfelder exakt zu reproduzieren. Im Gegensatz zur Wort-Übersetzung
des Spielzeugnamens („Ich fühle“) trainierte Senso
ausschließlich das visuelle Gedächtnis des Spielers und die
Fähigkeit, willkürliche Abfolgen spontan auswendig zu lernen.
Die Lust bei erfolgreicher Benutzung ergab sich aus der Erfahrung von
Kontrolle über das Gerät, das dem spielenden Subjekt unterlegen
blieb. Beim Scheitern an der Reproduktion der Farbfolgen entstand ein
frustrierendes Gefühl von Kontrollverlust über die siegreiche
Maschine, die dann nur noch durch Zerstörung zu unterwerfen war;
was ein Grund dafür sein mag, daß man alte Sensos kaum noch
findet.
Die (Licht-)Rhythmen in Gerold Tagwerkers Installationen provozieren
parallele Erfahrungen, wobei sie – anders als Senso – keine
bewußte Interaktion des Betrachters herausfordern. Bei ihrer Programmierung
bedient sich der Künstler zweier Prinzipien, dem des Zufalls und
dem der Gesetzmäßigkeit; wobei das Prinzip des Zufalls sich
weiter unterteilen ließe in die „analytische Zufallsfolge“
(Ursprung einer Sequenz ist bekannt, nur die Wirkung ist „zufällig“)
und die „synthetische Zufallsfolge“ (durch „echten“
Zufallsgenerator).
In der Arbeit „13x58W/133.flash“, die 2003 am Vorplatz
der REMISE Bludenz installiert wurde, ist das kurze Aufleuchten der
13 linear angeordneten Leuchtstoffröhren vollständig durchchoreographiert:
Für einige Minuten flackern jeweils unterschiedliche Gruppen von
zwei bis vier Röhren auf, bis alle Röhren schließlich
gleichzeitig angesteuert werden und für einen Moment als geschlossene
Reihe erscheinen. Diese Sequenzen werden geloopt und endlos wiederholt
– sie entsprechen also einem nachvollziehbaren Plan. Im Gegensatz
dazu beginnt das Programm bei „11x58W/133.flash“ mit einer
einminütigen komponierten Licht-Bewegung um die Achse des Lusters
und bricht dann aus in eine 30sekündige Zufallssequenz, in der
einzelne Röhren willkürlich angesteuert werden, um dann wieder
mit dem choreographierten Part neu zu beginnen.
In der „deterministischen“ Komposition der erstgenannten
Arbeit behält der Künstler die vollständige Kontrolle
über das jeweilige momentane Erscheinungsbild seiner Installation.
Die Choreographie läßt sich zwar nicht auf den ersten Blick
entschlüsseln, prägt sich jedoch nach und nach ein. Tagwerker
selbst vergleicht sie einer solistischen bass-line im Jazz – und
dieser explizite Verweis auf’s Musikalische ermöglicht vielleicht
erst eine Begründung dafür, daß die Betrachtung von
„13x58W/133.flash“ zu ähnlichen Frustrationen führen
kann wie die Beschäftigung mit dem oben beschriebenen Kinderspielzeug:
Jeder weiß, daß es die schwierigste Herausforderung an einen
Schlagzeuger ist, den Beat über längere Zeit zu halten; wer
jemals ein Musikinstrument mit Metronom geübt hat, wird sich an
die Ohnmacht erinnern, die das ungerührt weitertickende Gerät
bei dem musizierenden Menschen auslösen kann. Denn „menschlich“
ist dieses perfektionistische Diktat nicht, und selbst dem begabtesten
Jazz-Bassisten wird es nicht gelingen, sein Solo immer wieder identisch
zu reproduzieren (es wird ihm aus musikalischer Sicht auch gar nicht
daran gelegen sein). Auf die somit künstlerische wie künstliche,
präzise Vorgabe eines gleichmäßigen Beats und identisch
wiederholter Abfolgen, besitzt der (den Naturgesetzen unterworfene)
Betrachter eigentlich nur zwei Möglichkeiten der Reaktion: Er kann
versuchen, als Subjekt die Kontrolle zu behalten, indem er der Perfektion
wahrnehmungstechnisch quasi „hinterherläuft“, sie im
Kopf zu reproduzieren sucht, und in der Regel scheitert. Oder er gibt
sich deren Überlegenheit hin und läßt zu, daß
immergleiche Lichtfolgen im immergleichen Rhythmus unreflektiert in
seinen Bewußtseinszustand eingreifen und das Subjekt kurzfristig
verdrängen. (Man könnte sich durchaus kollektive Hypnosesitzungen
vor „13x58W/133.flash“ vorstellen.)
Bei Licht-Skulpturen wie „11x58W/133.flash“ gibt Gerold
Tagwerker – wie oben bereits angesprochen – hingegen dem
Zufall Raum, d.h. die Leuchtstoffröhren werden sequenzweise per
Zufallsgenerator angesteuert, so daß die Lichtfolgen streckenweise
weder für den Betrachter noch für den Künstler selbst
zu überschauen oder gar vorherzusagen sind. Aber in der Luster-Arbeit
Tagwerkers existiert neben der „synthetischen Zufallsfolge“
eben auch die geplante Choreographie. Und hinter dieser Konstruktion
aus Freigabe und Beherrschung des Werkes durch den Künstler scheint
das philosophische Konzept auf, das besagt, daß man der Realität
am ehesten gerecht wird, wenn man ihr eine „Mischung“ aus
Plan und Willkür, aus Determinismus und Zufall zubilligt. (In diesem
Zusammenhang wird provokanterweise eine gewisse Menge an Zufall auch
zum Merkmal der Individualität, deren traditionell festgeschriebene
Strategien Gerold Tagwerker bereits durch seinen Umgang mit dem Material
„Licht“ in Frage stellt.)
Dabei versucht die Luster-Arbeit nicht, eine Synthese aus Determinismus
und Zufall zu behaupten, sondern führt dem Betrachter beide als
unterschiedene „Existenzformen“ vor, die – ähnlich
wie bei Tagwerkers Abschaffung der Beziehung zwischen Licht und Dunkelheit
– kein Gegensatzpaar bilden und einander weder ausschließen
noch bedingen. Wie könnten sie auch: Ein Plan mag erinnerbar bleiben;
der Zufall hat jedoch kein Gedächtnis, er passiert als das immer
wieder Neue und Nicht-Notwendige und setzt sich in kein Verhältnis
zum Davor oder Danach. Diese Co-Existenz zweier Wirklichkeitsprinzipien
erfordert beim Künstler wie beim Betrachter konsequentes Denken
(das nicht nach Auflösung von Differenz im harmonisierenden Konsens
trachtet) und flexible Annahme des Außen – nicht zugleich,
nicht umgekehrt, nicht dadurch bedingt, sondern einfach nur daneben.
Die Licht-Skulptur „cube.cool white“ besetzt den Raum „zwischen“
den beiden beschriebenen Arbeiten. Sie funktioniert, wie die Bludenzer
Installation, nach einem komponierten Beleuchtungsrhythmus, der sich
hier jedoch nicht einprägt und den der Betrachter nicht aufzuschlüsseln
vermag – die Wirkung ist also der Zufallssequenz in der Luster-Arbeit
vergleichbar. In jedem Fall aber durchläuft derjenige, der sich
auf den Würfel einläßt (der in seinem Da-Stehen an Tiefkühltruhen
ebenso erinnert wie an Lounge-Möbel aus der Welt Stanley Kubricks),
verschiedene „Bewußtseins-zustände“: Zunächst
versucht er analytisch, das „Gesetz“ hinter dem rhythmischen
Aufleuchten der Würfelflächen zu entdecken, und ertappt sich
schnell bei einem Quiz mit sich selbst, das erraten will, wo die nächste
Röhre anspringt. Es klappt nie. Aber bevor der Betrachter sich
darüber ärgern könnte, passiert der magische Moment,
in dem der ganze Cube kurzfristig illuminiert ist – und formal
wie substantiell in den Bereich transzendiert, für den wir heute
keine Begriffe haben. Wenn man – entgegen aller technischen Selbstverständlichkeit
– kurz davor ist, das Wort „Wunder“ zu denken, ist
das ganze Licht schon wieder aus. Der nirgends erhellte Würfel
steht da, als wäre nichts geschehen, als wäre die „andere
Sphäre“ unmöglich. Dabei hat sie den Betrachter schon
erwischt. „Senso“ ist in dem Wortsinne eingetreten, den
das Spielzeug nie erfüllen konnte. Denn man ist gezwungen „loszulassen“
im Angesicht des „cube.cool white“, die Ratio zugunsten
des spontanen emotionalen Erlebens abzuschalten. Dabei reduziert sich
das wahrnehmende Subjekt auf den Blick, der alles annimmt, was das Außen
vorgibt, und dieser Blick existiert nicht in der Zeit. In der Erinnerung
wird diese Erfahrung zum konzentrierten Tagtraum, der als Melancholie
übrigbleibt.
Neben der geplanten Komposition, deren Gesetz vom Betrachter entweder
entdeckt oder dem Zufall zugeschrieben wird, und dem „echten“
Zufallsgenerator existiert noch die Spielart der „analytischen
Zufallsfolge“, die von Tagwerkers Installation „11x58W/840.flash“
variiert wird. Diese Arbeit funktioniert frei nach einer scheinbaren
Zufallsprogrammierung, lehnt sich aber an die Bludenzer Version an,
indem sie deren Figurationen ineinander verfließen läßt.
Der Ingenieur Klaus Köck, der für die technische Realisation
der Installation verantwortlich war, schreibt dazu: „Das flackernde
Starten einer Leuchtstoffröhre ist ein nicht voraussagbarer Vorgang.
Der Zufall wird nicht dadurch größer, daß etwas zufällig
stattfindet, das bereits zufällig ist. Bei der Realisierung von
Lichtkunstprojekten steht man als Techniker in der Situation eines Dirigenten,
der ein Stück uraufführen soll und nur ein Blatt einer graphischen
Notation vor sich hat. Aber bevor das Werk aufgeführt (ausgestellt)
werden kann, muß der Ingenieur erst noch einen Teil der Instrumente
erfinden und bauen. ... Ich habe keine Zufallssteuerung gebaut, sondern
versucht, den Zufall darzustellen.“
In Köcks Lesart (die ein weiteres Mal Anleihen bei der Musik nimmt)
bestimmt nicht die „echte“ Zufallsqualität die künstlerische
Äußerung, sondern die Stärke der (manipulierten) Zufallswirkung,
die der Ingenieur als steigerbar definiert – der Zufall kann „größer“
oder „kleiner“ erscheinen und in der dargestellten Wirkung
sichtbarer werden, als es der echten Zufallsproduktion je möglich
wäre. Das Phänomen wird manipulativ so vergrößert,
daß der Betrachter sich einer Zufallssimulation gegenübersieht,
die stärker ist als die Realität. Der programmierte Licht-Code
produziert eine Zufalls-Realität, in der Zeichen und Reales ununterscheidbar
verschmolzen sind – Baudrillards „grundlegender kultureller
Prozeß der Moderne“ läßt grüßen. In
Zusammenarbeit mit seinem Programmierer schreibt Gerold Tagwerker dieser
Licht-Installation eine Qualität der Verunsicherung ein, die sich
ausweiten ließe auf die gegenwärtige Wahrnehmung von Welt
überhaupt. Das Sich-ins-Verhältnis-Setzen zur Realität
ist aufgehoben, kritisches Urteilsvermögen des Individuums unmöglich;
undurchschaubare Kräfte im Hintergrund ziehen die Fäden der
Wirklichkeit und lassen sie so erscheinen, wie es ihren Interessen entgegenkommt.
Die Verstärkung der Zufallswirkung durch künstlerische Manipulation
wird zu einem Eingriff in die Realität, der jedoch beschreibbar
bleibt und so kritisch auf all die nicht mehr beschreibbaren Manipulationen
verweist, denen wir uns ausgesetzt sehen.
Das Schweigen hinter den Spiegeln
Ein ständig wiederkehrendes Ausgangsmaterial in
Gerold Tagwerkers Arbeit ist der Spiegel (bzw. die Spiegelfolie), der
sich in den einzelnen Objekten meist als Kontaktoberfläche dem
Betrachter zuwendet. Dabei reflektiert er sowohl den das Kunstwerk umgebenden
Raum als auch den Betrachter selbst, allerdings nicht als vollständiges
Spiegel-Bild, sondern durch die Vorgabe der den Flächenstrukturen
immer innewohnenden Lücken gleichsam „dekonstruiert“
in Einzelteilen. Insofern entfällt die allererste kulturhistorische
Lesart des Spiegelmotivs als Verweis auf Narziß, denn jener benötigt
den kompletten, ungebrochenen Blick auf sich selbst, um vom eigenen
Spiegelbild gebannt zu sein, das fortan (wie der Schatten) der Selbstvergewisserung
dient. Lewis Carrol’s Alice hingegen hatte mit solchem Identitätsdiskurs
nichts zu schaffen und vermag den Interpreten des Tagwerkerschen Spiegelthemas
an die Hand zu nehmen, indem sie das verwirklicht, was jede Katze im
Angesicht des eigenen Spiegelbildes versucht – hinter den Spiegel
zu kommen. In „Alice hinter den Spiegeln“ (1872) heißt
es: „Lass‘ uns mal so tun, als ob die Spiegelscheibe lose
wie Gaze wird und uns durchläßt. Guck‘ mal, sie verwandelt
sich jetzt in richtigen Nebel! Durch den kann man ohne weiteres schlüpfen!“Durch
reine Vorstellungskraft wird Alice der Spiegel zur passierbaren Grenze
zwischen den Realitäten; wer hindurchgeht, entdeckt ein Paralleluniversum,
das quasi spiegelverkehrt zu dem auf der anderen Seite funktioniert
und deshalb einiges an Irritationen und „Ver-rückungen“
zu bieten hat. (So findet Alice im Spiegelland die Landschaft als Schachbrett
gerastert vor und entdeckt den Wald, in dem nichts einen Namen besitzt.)
Vergleichbares geht mit dem Betrachter in der Konfrontation mit den
Spiegeloberflächen in Tagwerkers Skulpturen und Installationen
vor. Er muß die Einladung, durch die Oberfläche zu treten
und den dahinter versteckten Objekten zu begegnen, annehmen, sonst erfährt
er nicht alles.Denn der Spiegel verbirgt mehr als er sichtbar macht
– er löst eben die Strukturen auf, die erst jenseits des
Ausstellungsraums wieder neu konstruiert werden können. Die Vorstellungskraft
spielt hier jedoch keine Rolle; viel mehr wird im Rezipienten das instinktive
Wissen-Wollen der Katze mobilisiert. Was ist es also, das der Künstler
hinter seinen Baumarktspiegeln und –folien versteckt? Gegenstände,
die in unserem Universum bereits existieren und deren Sinn beschrieben
werden kann: Ein Ikea-Regal, eine Wand, Bilder des Malers Piet Mondrian.
Aber in Tagwerkers Parallel-Universum scheinen diese Gegenstände
Bedeutungsverschiebungen zu unterliegen.
Im Ikea-Regal, das den Künstler durch die Einfachheit seines Steckrasters
beeindruckte, wird kein Buch und keine Tasse mehr stehen; es ist, als
würde die Struktur jedes Ding abstoßen, das eine unsensible
Hand auf ihre Fläche setzte. Ästhetisch bleibt das (auch an
Architektur gemahnenden) „grid“ der Minimal Art, das auf
nichts verweist als auf sich selbst. Aber wir sind schon hinter den
Spiegel getreten, und dort wird uns in „mirror.grid“ das
ehemalige Steckraster zur Landkarte, das wie Alices Schachbrett den
Raum strukturiert. Dieser Parallel-Kosmos ist akribisch geordnet und
kartographiert, der Besucher kann seine Position eindeutig bestimmen,
bloß sich selbst nicht mehr. Wie im Spiegelland-Wald hat er seinen
Namen (und damit seine Individualität, deren Konstruktion hier
erneut erschüttert wird) abgegeben und löst sich als Koordinate
auf in einem übermächtig strukturierten System. Biologie und
Psychologie haben die Herrschaft abgegeben an Mathematik und Physik,
und diese beschreiben den Makrokosmos, ohne sich mit kleinlichen „menschlichen“
Belangen zu belasten. Hinter der Spiegelfolie bekommt die Sehnsucht
eine Form, die über Menschenmögliches, dessen mikroskopischen
Blick und Vergänglichkeit, hinauswachsen will, die das natürliche
Chaos mithilfe des perfekten Plans und der absoluten Struktur zu besiegen
trachtet – und dort gelingt es.
Auch die Spiegelfolien, die Gerold Tagwerker als Installationen direkt
auf die Wand bringt, können „lose wie Gaze“ werden.
Und wenn wir sie durchschreiten, sind wir keineswegs eingeklemmt zwischen
Spiegelrückseite und Wand – die Wand hat sich gleich mit
in „richtigen Nebel“ verwandelt. Ein alchemistisches Meisterstück:
Durch die einfache Zutat des Spiegels wird nicht nur ästhetisch
die Wand aufgelöst, sondern auch in der persönlichen Imagination
des Betrachters. Der Künstler schubst ihn in einen leeren Spiegel-Kosmos,
der gestaltet werden könnte; die Wand-Arbeiten werden zum Gegenmodell
von „mirror.grid“, insofern sie den radikal individuellen
Raum eröffnen, der keinem äußeren Prinzip unterstellt
und nach den vorausgegangenen Verunsicherungen erst neu zu erfinden
ist.
Piet Mondrians „Kunst der reinen Verhältnisse“ ist
seit den 50er Jahren in unzähligen Erscheinungsformen von Design
quasi gesampelt worden und kaum noch ohne den Hintergrund dieser Rezeptionsgeschichte
zu besprechen. Tagwerker scheint in einer weiteren künstlerischen
Erscheinungsform die Arbeit Mondrians rehabilitieren zu wollen, die
ihm in ihrem Konzept von konkreter Kunst und Verhältnismäßigkeit
nahe sein muß. Er rekonstruiert sie in Format und Komposition
eins zu eins anhand von Spiegelfeldern und hängt die so entstandenen
„mondrian mirrors“ in der Augenhöhe, die man nicht
vom Badezimmerspiegel sondern aus dem Museum kennt. Ihre reflektierende
Kontaktoberfläche erscheint als geöffnete „vierte Wand“,
die das (gestückelte) Abbild des Betrachters als weiteres „äquivalentes
plastisches Mittel“ in die Farbfeldkompositionen integriert, den
sie umgebenden Präsentationsraum jedoch zur Auflösung bringt.
So wird es möglich, in den Raum der Kunst selbst einzutreten, der
im immer kontextualisierenden Hier und Jetzt nicht existieren kann.
In Tagwerkers drittem Parallel-Kosmos ist die Luft klar, und es herrschen
die reinen Ideen in der reinen Ästhetik. Das Subjekt rezipiert
nicht die Schattenwürfe der Dinge aus Platons Höhlengleichnis,
es wird konfrontiert mit den Dingen selbst, die keinen Namen tragen
und nicht zerfallen in Zeichen und Zubezeichnendes.
Nach diesen Erfahrungen hinter den Spiegeln mag man spekulieren über
die Sehnsucht des Künstlers, die er so gut hinter Material und
ästhetischen Verweisen zu verbergen versteht. Es scheint ihn ein
Wunsch nach eindeutiger Trennung von Realitätsschichten umzutreiben,
die in der Gesamtheit seines Spiegel-Universums eigene Räume zugewiesen
bekommen, in denen sie „absolut“ existieren dürfen:
Das fehlerlose System ohne Gegenstand, die radikale Subjektivität
ohne Gegenüber und die reine Idee ohne Manifestation. Die Vermischung
der Ebenen in der Welt vor dem Spiegel muß ihm Unwohlsein erzeugen,
auf das er mit einer philosophischen Ordnung reagiert, deren Struktur
zufolge der „Andere“ nicht vorkommen kann – der Künstler
bleibt einsam in seinem Verhältnis zur Wirklichkeit und in seinen
Gegenkonstruktionen, die nur absolut bleiben können, wenn sie sich
keinem Dialog zur Verfügung stellen. Der Betrachter ist zum Schweigen
verurteilt, wenn er aus Tagwerkers Spiegelland zurückkehrt. Und
hat eine künstlerische Praxis erfahren, die in der letzten Konsequenz
mit dem Allgemeinplatz bricht, daß Kunst Kommunikation wäre.
Die Sprache der Ambivalenz
Bereits in der französischen Höhlenmalerei finden sich erste
Farbflächen auf einem Quadratraster, an dem Piet Mondrian seine
Freude gehabt hätte. Man kann vermuten, daß das Raster dort
ausschließliches Ordnungsprinzip und noch kein Ausdrucksmittel
gewesen ist, als das es dann von der Konkreten Kunst und vor allem der
Minimal Art entdeckt und benutzt wurde. Wie im Spiegel-Kosmos von Tagwerkers
„mirror.grid“ erfahren, repräsentiert das Raster eine
Strategie der absoluten Kontrolle, ein 100%ig genaues, bis in die Unendlichkeit
fortführbares Konzept, dem weder Fehler noch Abweichungen innewohnen.
Dabei bedeutet es in seinen Grundtypen nicht nur die konzeptionelle
Möglichkeit, Formen zu ordnen, sondern auch die Darstellung von
einem Minimum an Ordnung selbst.
Wenn wir bei „mirror.grid“ den Fokus auf den Umgang mit
dem titelgebenden Raster lenken (sozusagen „vor dem Spiegel“
bleiben), ist zunächst die Fähigkeit der Ikea-Designer eine
bemerkenswerte gewesen: Das dreidimensionale Steckraster ist so simpel
wie schlagend; als ästhetisch-funktionales Ordnungssystem produziert
es Standfestigkeit und unendliche Erweiterungsmöglichkeit gleich
mit. Gerold Tagwerker hat die Flächen des Steckrasters, die üblicherweise
mit weißem oder schwarzem Laminat kaschiert sind, mit aluminiumbeschichtetem
Furnier versehen und ihnen so zu einer spiegelnden Oberfläche verholfen.
Auf der formalen Ebene wird dieser Eingriff zur Intervention in die
Struktur des Rasters selbst. Zum einen bekommt die theoretische Möglichkeit
des Rasters seiner unendlichen Fortführung eine sichtbare Gestalt:
Die reflektierenden Einzelformen reproduzieren ihre Struktur jeweils
bis ans Ende aller möglichen Blickrichtungen, was einem Verschwinden
im Spiegel gleichkommt. Zum anderen wird die Rasterordnung konkret in
Frage gestellt: Das Abbild ist den Gesetzen der Perspektive anders unterworfen
als das Objekt; im Spiegel finden Abweichungen und Verzerrungen statt,
die im Konzept des „grid“ keinen Platz haben. So setzt sich
in der Wahrnehmung des Betrachters die realisierte unendliche Fortführung
mit dem Nichts gleich, und das ehemals funktionierende Ikea-Regal verliert
seine Standfestigkeit, in dem es unten spiegelnd seine Bodenhaftung
aufkündigt und sich nach oben und zu den Seiten als perspektivisch-wuchernde
Struktur in den Raum ausbreitet. Die Strategie der absoluten Kontrolle
benötigt also anderes Material, wenn sie sich durchsetzen will;
sie kann sonst schnell als Strategie der Verunsicherung greifen.
In „cube.cool white“ hat Gerold Tagwerker auf handelsübliche
Deckenleuchten mit weißer Acrylglasabdeckung zurückgegriffen.
Klar definiertes, funktionales Ausgangsmaterial, das der dreidimensionalen
Würfelrasterung nicht widerspricht, sondern sie willig repräsentiert
– solange keine Leuchtstoffröhre zündet. Denn auch das
Material Licht bringt, wie der Spiegel, die Ambivalenz des Rasters hervor:
Absolute Kontrolle versus absolute Irritation. So entsteht in dieser
Arbeit zum Beispiel eine blinkend aufblitzende Lichtbewegung entlang
der Achsen, die den Würfel scheinbar zum Rotieren bringt –
Bewegung ist der nächste Aspekt, der das Kontrollinstrument grid
außer Kraft setzen kann.
Das Raster ist in seiner Präsenz innerhalb der Minimal Art bereits
als Fortführung des Ornaments gedeutet worden; im Kontext von Architektur
steht diese Lesart noch aus. Gerold Tagwerkers „urban studies“
(Fassadenaufnahmen von Chicagoer Hochhäusern) weisen jedoch explizit
darauf hin, indem sie eine Perspektive wählen, die die Funktionalität
der architektonischen Grundraster vernachlässigt und das Ornamentale
in den Vordergrund stellt, das – jenseits der Formensprache –
keinen Zweck erfüllt. Der Künstler hat „in den Himmel
geknippst“ (und es damit zahllosen Touristen gleichgetan); aus
dem alltäglich-banalen Blick sind Photographien entstanden, die
sich über die Standfestigkeit und Bodenhaftung der Hochhäuser
ausschweigen und diese stattdessen als perspektivisch gebogene Himmels-Körper
zeigen. Das eigentlich der Statik und der „sinnvollen“ Ordnung
dienende Raster verliert hier seine Regelmäßigkeit und auch
die (kritisch zu besprechende) Darstellung reiner Ordnungsprinzipien
– Tagwerker wertet die (nicht immer geglückte) Architektur
auf, indem er die Fassadenaufteilung bewußt unvollständig
zeigt und die verbleibende dreidimensionale (womöglich schwebende)
Skulptur auf ihr ornamentales Potential untersucht. So vertreibt er
auch den Betrachter aus dem architektonisch-urbanen Zusammenhang, indem
es jenem unmöglich gemacht wird, per Blick in die Hochhäuser
einzutreten, sich zu ihnen ins Verhältnis zu setzen oder gar den
kartographischen Kontext zu rekonstruieren, den die Gebäude gemeinsam
beschreiben. Ihm bleibt die Ansicht von nicht-zusammenhängenden
ornamentalen Strukturen, die ohne ihn existieren, nach einem Gesetz,
das er nicht mehr formulieren kann.
Gerold Tagwerkers künstlerischer Umgang mit dem grid evoziert
so ein weiteres Mal Sprachlosigkeit. Die Repräsentation des perfekten
Ordnungsprinzips, dessen einfache Syntax sich jedem erschließt,
wird immer wieder mit Gegenspielern konfrontiert (dem Spiegel, dem Licht,
der Bewegung, der Auslassung und dem Ornament), die es nicht nur aushebeln
sondern geradezu ins Gegenteil verkehren. Dieses „Gegenteil“
ist nicht formulierbar; die Sprache selbst wäre machtlos gegen
die genannten Gegenspieler und würde mit Sprachlosigkeit antworten.
Auf den dritten Blick zeichnet sich die künstlerische Praxis Gerold
Tagwerkers also zusammenfassend dadurch aus, daß sie sich –
fast programmatisch – spezifischer Mittel bedient, die im allgemeinen
Bewußtsein für die Ausübung von Kontrolle stehen: Das
Licht, durch das die Dunkelheit mit all ihren Konnotationen gebannt
werden kann; die Rhythmisierung, durch die Reihenfolgen Struktur und
Aussage gewinnen; der Spiegel, vor dem zuallererst Selbstvergewisserung
stattfindet; das Raster als perfektes Ordnungsprinzip für Formen.
Über verschiedene ästhetische Interventionen gelingt es dem
Künstler, all diese Kontrollmittel in Frage zu stellen und sie
sogar in ihr Gegenteil umzuformulieren. Die verunsicherte Wahrnehmung
des Betrachters führt zu Reaktionen, die nicht innerhalb der Ästhetik
zu beschreiben sind, sondern eher in den Feldern Psychologie, Soziologie,
Philosophie oder Sprachtheorie aufgefangen werden können. Dadurch
wird der erlebte Kontrollverlust des Individuums zu einer intellektuellen
wie emotionalen Herausforderung, die – nach der Erschütterung
zahlreicher (Schein-)Festlegungen – auch lustvolle Reaktionen
zu provozieren vermag. Denn vor den Arbeiten Gerold Tagwerkers gerät
dem Betrachter ein Geruch von Freiheit in die Nase, der sich aus der
Erweiterung menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten speist. Diese
Freiheit wäre ein Ausgangspunkt für den Entwurf neuer Strategien
von Individualität, die sich jenseits ängstlicher Grenzen
und zu Konventionen geronnenen, nicht mehr überprüften Wissens
konstruieren könnten.
Dagrun Hintze, Hamburg, im Oktober 2004
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Recycling
Minimalism?
top
Ein Gespräch mit Romana Schuler, Rainer Fuchs, Friedrich Achleitner,
Wolfgang Kos, Gerold Tagwerker, Harald Welzer
Schuler: Als Vorbereitung für dieses Gespräch habe ich in
Texten über Minimal Art nachgelesen und bin auf ein Zitat gestoßen,
das Donald Judd in den achtziger Jahren bei einem Vortrag über
Kunst und Architektur verwendet hat. Er zitierte Ludwig Wittgenstein,
der meinte: ›Es ist schwer am Anfang anzufangen und nicht zu versuchen,
noch weiter zurückzugehen.‹ Man könnte dieses Zitat
auch an den Anfang dieser Gesprächsrunde stellen. Wenn wir nun
in der Minimal Art der sechziger Jahre einen Bezug zu dieser Ausstellung
hier sehen, wie es der Titel des Gesprächs provoziert und so einen
historischen Kontext zu Gerold Tagwerkers Arbeit herstellen, sollten
wir vielleicht diese Zeit zu beleuchten versuchen und sie den neunziger
Jahren gegenüberstellen.
Die Minimal Art hatte dort ihren Anfang und wurde bis in die siebziger
und Anfang der acht-ziger Jahre als eine Bewegung betrachtet, die sich
rein kunstimmanent verhielt und sich in ihrem Diskurs und mit ihrer
Kritik gegen Kunsttraditionen stellte. Andererseits waren die sechziger
Jahre aber eine hoch politische Dekade, als eine Zeit der Bürgerrechtsbewegung,
der Studentenbewegung oder der Antikriegsproteste um Vietnam. Viele
Vertreter der Minimal Art waren politisch engagiert und aktiv. Jüngere
Kritiker sahen die Minimal Art dann aber auch als eine politische Kunstbewegung,
ähnlich der russischen Revolutionskunst. Die neunziger Jahre stellten
sich nun als eine andere Dekade mit anderen Diskussionen und Inhalten
dar.
Fuchs: Man kann Minimal Art unterschiedlich interpretieren. Das zeigt
die Rezeptionsge-schichte. Es stimmt schon, dass es in den sechziger
Jahren wichtige politische Zielsetzungen gegeben hat, bestimmte Paradigmen
oder Traditionalismen zu brechen und zu konterkarieren. Insofern war
Minimalismus politisch, und insofern muss man ihn vor dem zeitlichen
Hintergrund der sechziger und siebziger Jahre sehen. Ein Aspekt, der
wichtig ist, ist sicher diese Erfahrung von Wahrnehmungs-Wahrnehmen,
die Selbstwahrnehmung, die Idee, dass der Betrachter des Objektes der
Mitkonstrukteur der Arbeit ist, dass also Arbeiten von vornherein so
angelegt sind, dass sie das Bewusstsein des Wahrnehmens mitthematisieren.
Man hat inzwischen diese Wahrnehmungstheorie modifiziert. Damals wurde
angenommen, dass es ein neutrales Betrachtersubjekt gäbe, also
eine Art ontologischen, physiologischen Akt des Betrachters. Später
hat man das natürlich revidiert. Das Wahrnehmen ist ein von sozialen
Aspekten mitbestimmter Akt und nicht nur eine rein physiologische Geschichte.
Viele der damaligen Theorien haben sich als nicht haltbar erwiesen.
Gerade Judd ist mit seinen Statements ein gutes Beispiel für sehr
viele Annahmen, die sich überlebt haben. Diese ganze Nüchternheit
und Non-Relation, diese Nichtkomposition und das Aufbrechen der Aura
hat sich nicht wirklich durchgesetzt. Minimalarbeiten sind ja heute
Ikonen der Kunstgeschichte und das, was man ›auratisches Erlebnis‹
nennt, das stellt sich auch gegenüber diesen Exponaten ein. Wenn
man jetzt an die frühen Bilder Tagwerkers denkt, sieht man bei
ihm nicht von vornherein eine Scheu gegenüber einem bestimmten
Medium. Damals aber war es ein Paradigma keine Malerei zu machen. Judd
meinte, dass alles was weniger auskragt von der Wand, als es hoch ist,
ist ein Bild und alles, was mehr auskragt als es hoch ist, ist ein Objekt.
Das Bild verliess die Wand und ging als Objekt in den Raum. Das ist
auch etwas, was heute in dieser Form nicht mehr zu Diskussion steht,
und das heißt, darüber kann man heute anders dis-kutieren.
Um zu Tagwerker zurückzukommen: Man kann das Material, die Methode
so verwenden, dass sich ein Bildkörper ergibt. Aber gleichzeitig
setzt er den Malereibegriff oder Bildbegriff in einen anderen Zusammenhang,
wie bei den Streifenbildern Mitte der neunziger Jahre. Es gibt eben
ein anderes Umfeld. Eine andere Vorstellung von Pluralismus in der Kunst,
von Sprachlichkeit, von Diskursivität, von linguistischen Dimensionen,
die Kunstwerke selbst besitzen. Damals ging es darum, dem Werk jede
Form von Narrativität oder Referenzialität abzusprechen. In
der damaligen Situation, dieser Kontrahaltung gegenüber der europäischen
Tradition, war das ein wichtiges, manifestartiges Anliegen, das man
aus der historischen Position heraus verstehen muss, welches für
Künstler wie Tagwerker aber eben nicht mehr gilt.
Achleitner: Mir fallen da noch zwei Ergänzungen ein: Einerseits
ist 1962 ›Das offene Kunst-werk‹ von Umberto Eco erschienen,
in dem der Rezipient eine wichtige Rolle spielt, anderer-seits denke
ich an die serielle Musik der späten fünfziger und sechziger
Jahre. Dies wäre aber auch nur ein Bein in diesem Zusammenhang,
weil das Zufallsmoment dort noch keine große Rolle spielt. Interessant
scheint mir der Weg, von ganz präzisen Konstruktionen auszugehen
und dann ›aufzumachen‹, Zufallselemente einzuplanen...
Kos: Die Minimal Art bringt mir nicht allzu viel im Zusammenhang mit
den Arbeiten hier und ihrem Zusammenklingen und Zusammenspiel –
diese hochgradige, religiös gefärbte Dogmatik, die dann irgendwann
einmal in die Arbeit der Minimalbewegung hinein kam. Es war ja eine
Reformerbewegung, eine Bewegung der Rücknahme, der Ausnüchterung,
der Entleerung. Es ging gegen Geschwätzigkeit, gegen die Großstadt
und ihre Kakophonie, es ging in Richtung Land Art und Menschenferne,
es ging in die Richtung einer fast tempelhaften Bespielung von Räumen.
Auch wenn eine anti-auratische Absicht bestand, als polemische Position
ist die Minimal Art hochgradig auratisch geworden. Es flimmert auch
Esoterik-Potenzial mit. Es fällt mir schwer, von diesem Bild des
Minimalismus, von diesen Weihezonen einen gedanklichen Schnellcrash
zu den Arbeiten hier zu machen, bei denen ich Ironie und Lockerheit,
Spiel und Lust zu spüren vermeine – jeder weiß, dass
der Kreis etwas Magisches sein kann, der Kreis kann zum Beispiel auch
ein Loch sein. Diese Entweihung magischer Formen, nicht aus einem großen
Weltverbesserungsprogramm heraus, sondern mehr aus einem Vergnügen
am formalen Potenzial oder Materialpotenzial, das ist doch weit weg
von dieser klassischen Position. Die Arbeiten hier sind dem Gerümpel
viel näher als dem Tempelbezirk. Das macht sie sympathisch. Ein
anderer Reiz der Arbeiten dieser Ausstellung liegt für mich darin,
dass ich jederzeit wieder wegschauen kann. Ich bin nicht gezwungen,
über diese Werke in mein tiefstes Inneres einzudringen. Ich habe
nicht das Gefühl, dass der Künstler das unbedingt von mir
erwartet. Das finde ich schon recht angenehm.
Schuler: Das ist interessant, wenn ich mir das vom Aspekt der Materialwahl
Gerolds aus betrachte: Er hat lange diese Klebebänder als Material
verwendet, und er arbeitet weiterhin mit industriell vorgefertigten
Materialien und Produkten, die sich jedermann in Baumärkten kaufen
kann. Produkte, die sich also jeder erwerben kann und nach Bedarf jederzeit
besorgen kann. Wenn ich was zu kleben habe, besorge ich mir ein Klebeband.
Er verwendet diese Materialien auch in diesem Sinne. Das ist ein selbstverständlicher
Umgang mit Material, und darin sehe auch ich das Unaufdringliche seiner
Arbeiten.
Kos: Das ist natürlich heute der ›State of the Art‹.
Es wäre viel verblüffender, wenn wir hier sitzen würden
und Bronzen zu besprechen hätten oder Steinbildhauerei.
Fuchs: Die Frage ist ja, wie Material verarbeitet wird. Ein Unterschied
zur Programmatik der sechziger Jahre ist zum Beispiel, dass Judd sagte:
Die Farbe darf nicht aufgetragen werden, sondern das Material muss konsistent
mit der Farbe sein.
Kos: Das sind bestimmte Regeln, wie sie Religionen kennen: ›Das
darfst du nicht essen.‹
Fuchs: Genau, eine wirkliche Programmatik. Es durfte nicht mehr das
Medium Malerei sein, es musste das Medium ›Ding‹ oder ›Objekt‹
sein. Heute gibt es eine andere Beziehung zum Begriff des Mediums, auch
durch das Sprachbewusst-sein von Kunst. Wenn ich jetzt nicht mehr akzeptiere,
dass Malerei Malerei ist und ein Bild ein Bild, sondern dass das auch
begriffliche Dinge sein können, die anders konnotierbar sind, dann
habe ich eine andere Situation. Wenn ich die programmatische Position
der sechziger Jahre betrachte, war das auch ein Glaubenskrieg –
die Neuen gegen Greenberg, gegen die Tradition
der europäischen Abstraktion, die Rückwendung zum russischen
Konstruktivismus, die Kämpfe zwischen der Pop Art und den Minimalisten.
Kos: Es wäre interessant zu wissen, wie Tagwerker sich von seinem
Studium an gesehen hat, ob er sich im Kampf befunden hat, ob es Phasen
gab, wo er meinte: ›Ich muss gegen etwas kämpfen.‹
Tagwerker: Ich glaube, meine Generation kennt diese Kämpfe nicht.
In den achtziger Jahren wurden Grün-Themen, die ökologische
Problematik und die Hausbesetzerszene diskutiert, aber von mir nicht
kämpferisch mitgetragen. Da gab es keine Kämpfe, das waren
mehr Akte der Solidarisierung. Kunstimmanent spielten sich Ende der
achtziger und in den neunziger Jahren parallel dazu auch keine Kämpfe
ab, bezogen auf solche Kunstmanifeste oder Dogmen. Die waren mir aber
immer sehr sympathisch, als einem, der eben nie wirklich konfrontiert
war mit Kampfpositionen. Ich bin da mehr konfrontiert worden mit einer
›anything goes‹ -Haltung der Kunst.
Kos: Eine Sehnsucht nach Haltung?
Tagwerker: Sehnsucht nach Haltung sozusagen, Sehnsucht nach politischen
Visionen, Zielen, vielleicht ... (lacht)
Schuler: Es gibt also keine Propheten mehr, wie es in den sechziger
Jahren Beuys gab, der noch immer und immer wieder zitiert wird –
der war ein klassischer Prophet, ein Mystiker...
Tagwerker: Judd war ja auch einer, wenn auch aus einer anderen Ecke.
Solche Propheten können doch immer noch faszinieren, vielleicht
aber auch nur aus einer stattgefundenen Legendenbildung, und das macht
einen gleichzeitig skeptisch. Von der russischen Revolutionskunst und
der Minimal Art ging für mich während meines Studiums eine
starke Faszination aus. Aber sieht man von den in den achtziger Jahren
schick gewordenen kyrillischen Logos und Emblemen, vom trendigen Umgang
mit diesen Zeichen ab und lässt sich tiefer auf diese Bewegungen
ein, erscheinen einem solch kritisch engagierte Haltungen auch schnell
transparent und durchsichtig. Trotzdem sind mir diese Versuche von Entauratisierung
oder auch Demokratisierung der Kunst sehr nah. Deswegen haben wir auch
diesen Titel ›Recycling Minimalism?‹ als Überschrift
für dieses Gespräch gewählt.
Ich jongliere in meiner Arbeit mit solchen Ansätzen, das heißt
aber auch, ich bin mir derer be-wusst. Ich sehe ja auch meine Arbeit
viel spielerischer und frei vom ideologischen Ernst eines Manifestkünstlers.
Wenn ich nun Minimal Art als eine Tradition betrachte, dann aber auch
als keine, gegen die ich mich stelle und gegen die ich arbeite, sondern
als eine, mit der ich vielmehr sympathisiere, für die ich aber
auch kein Glaubensbekenntnis ablegen könnte.
Achleitner: Haben nicht eher die Rezipienten, die ›Kunst‹
eingefordert haben, zu dieser Auratisierung beigetragen – mehr
als die Künstler selbst? Die Möbel von Donald Judd zum Beispiel,
die quasi ihre Funktion wegwerfen, das waren keine auratischen Objekte.
Wenn man die aber in einer Ausstellung als Ensemble zusammenstellt,
dann erscheinen sie einem so, als ginge man in eine Kapelle.
Schuler: Sobald man etwas in eine Galerie, in einen Kunstraum stellt,
läuft man Gefahr, dass eine Entauratisierung nicht mehr möglich
wird.
Fuchs: Ich glaube, es spielen andere Dinge auch noch eine Rolle: Erstens
der Kunstbetrieb mit seinen Inszenierungen, und zweitens trat man in
den sechziger Jahren mit einem bestimmten Ziel gegen jemanden an. Diese
Künstler traten nicht an, nur um zu zerstören, die traten
ja an, um sich als neue Helden zu inszenieren. Sie haben das gut gemacht,
und es ist ihnen in gewisser Hinsicht auch gelungen. Und wenn jemand
in dieser Hierarchie der Selbsthistori-sierung eine bestimmte Stufe
erreicht, wo er wahrgenommen werden muss, weil er Maßstäbe
setzt, dann gewinnt er und das, was er macht, auch Bedeutung. Dann treten
Effekte auf, wo man weiß: Das ist was Besonderes, das ist kein
Zufall, dass die da stehen, wo sie jetzt stehen. Da kommen viele Dinge
zu-sammen, und das hat dann ›Wert‹.
Das Wissen über diese Bedeutung färbt auch auf die weitere
Produktion und Rezeption ab. Das könnte man als die Grundlagen
der Auratisierung bezeichnen. Dinge funktionieren immer in einem sozialen,
historischen Zusammenhang, gewinnen dort Bedeutung, gewinnen das, was
wir elitären Status und ›Aura‹ nennen. Der Kunstbetrieb
ist ein wichtiger Faktor in dieser ganzen Maschinerie. Wenn ich Texte
lese von diesen Künstlern, von diesen Kämpfen, die sie gefochten
haben, glaube ich nicht, dass sie sich so weit demokratisieren wollten,
dass sie überhaupt in der Menge aufgehen und nicht mehr wahrgenommen
werden wollten. Das ist eine romantische Fiktion.
Kos: Aber es scheint für jüngere Künstler schon eine
Faszination zu geben für die mittleren sechziger Jahre, weil es
da noch Dissidenz gegeben hat. Nehmen wir zum Beispiel aus der letzten
Zeit diverse psychedelische Phänomene, auch im Zusammenhang mit
Techno und Remix. Denken wir an diese Light Shows, bei denen eine chemische
Flüssigkeit zwischen Glasplättchen auf die Wand projiziert
wird, wobei das Bild quasi in jedem Bruchteil einer Sekunde neu ist
und nie wieder gleich sein wird. Gestaltungen also, die überhaupt
nicht kontrollierbar sind, wenn man sie einmal gestartet hat. Ich denke
an Ugo Rondinone, der keineswegs ironisch sein möchte, oder auch
Pipilotti Rist, deren erste Videos mich deshalb so fasziniert haben,
weil sie das Flirrende, Schwebende, Unscharfe der Sixties wieder stark
evozierten, irrsinnig emotional bis hin zum Kitsch. Da gab es komischerweise
ein jede Kontrolle verlassendes Spiel der Farben, Klänge, Düfte,
wo alles durcheinander geht. Auf der anderen Seite aber gab es den Versuch
der Klärung, der Präzision, eine Form des Form- und Materialfetischismus
in Teilen der Kunst der späten sechziger Jahre. Es scheint aber
einen gemeinsamen Nenner zu geben: die Entgrenzung, ein Überschreiten
der banalen Alltäglichkeit. ›Magisch‹ war alles, das
Hippie-Gerümpel ebenso wie das streng For-male. Es gab aber nachher
noch viele andere, wichtige Strömungen wie zum Beispiel IKEA. Wie
weit geht die Erfahrung, dass wir umgeben sind von einer Vielzahl von
Materialien?
Ich meine den Punkt, wo es für formbewusste Menschen unmöglich
wird, nicht wie ein Kind herumzuirren in diesem Pool, in dem es schon
alles gibt. Ich spüre in Tagwerkers Arbeiten ein Erstaunen darüber,
was man mit dem gefundenen Zeug alles machen kann, ein Spiel mit der
Fülle von Möglichkeiten. Es gibt die Verlockung, dass so vieles
da ist und dass alles interessant ist. Die entscheidende Frage dieser
Künstlergeneration müsste demnach also sein, wie treffe ich
da die Entscheidung der Auswahl, wo grenze ich ab, wie verliert man
sich in dieser Fülle nicht. Möglicherweise hängt von
dieser Frage auch der Unterschied zwischen guter und nicht ganz so guter
Kunst ab.
Schuler: Ich habe Gerolds Arbeit jetzt über die letzten Jahre verfolgt
und beobachtet, mit welcher Logik er seinen Weg gegangen ist. Wie er
von frühen zeichnerischen Arbeiten über Arbeiten auf Holz
zu den Arbeiten mit Klebebändern kam, die erst als Tafelbilder
entstanden und dann als Wandarbeiten in den Raum erweitert wurden. Ich
habe damals von einem Schritt in Richtung ›Skulptur‹ gesprochen,
weil der Betrachter mit ins Bild kam, sich in diesen Bändern bewegt
hat. In dieser Ausstellung sehe ich einen großen Schritt, eine
starke Veränderung. Hat das damit zu tun, dass du dich in letzter
Zeit intensiver mit Architektur beschäftigt und mit Architekten
zusammengearbeitet hast?
Tagwerker: Das ist vielleicht wirklich so. Ich habe in den letzten zwei
Jahren öfters mit Architekten zusammengearbeitet, als künstlerischer
Partner Projekte erarbeitet und als, sagen wir, Konsulent bei Projekten
mitgewirkt. Da hat sich mir eine neue Sicht verschiedener Dinge eröffnet.
In der Architektur kalkuliert man neben einer ästhetischen und
formalen Ebene eine funktionale Ebene mit, wie auch der Aspekt von Materialien
und deren ästhetischen Eigenschaften und Wirkungen – bei
eben ausschließlich industriellem Material und Produkten –
dazukommt. Das hat mich in dieser Form schon fasziniert und ist sicher
in meine Arbeit eingeflossen.
Fuchs: Wenn ich an diese Streifenbilder, die Klebebandarbeiten, denke,
habe ich viele Möglichkeiten, von dort aus Dinge in den Arbeiten
dieser Ausstellung wiederzufinden. Es geht bei den aktuellen Arbeiten
Tagwerkers jetzt eher um ein System oder eine Struktur, der er nachgeht
und der er verschiedene Ausdrucksformen verleiht. Er verwendet verschiedene
Materialien, verschiedene Konstellationen – zum Beispiel das Überlagern,
das Transparente – so, dass Material sozusagen expliziert wird.
Diese Bänder – auf den ersten Blick glaubt man, dass das
Malerei ist – sind aber reales Material. Das ist eigentlich ein
Widerspruch zur Fiktion, die die Malerei mit Farbe aufführt.
Schuler: Wenn man diese Bilder nicht im Original sieht, kann man das
Material auch nicht erkennen. Wenn man sie nur als Abbildung sieht,
täuschen diese Klebebänder.
Fuchs: Er legt sozusagen viele Fährten und Offerte aus, die auf
den ersten Blick vielleicht nichts miteinander zu tun haben. Und dann
beginnt man zu entschlüsseln, wo der Punkt ist, wo es konvergieren
könnte. ›Das hat mit Architektur zu tun‹ – ist
ein wichtiger Ansatz, vom Raum her, vom Material her zu denken –,
Architektur ist für mich in Bezug auf Tagwerkers Arbeit ein sinnvollerer
Ansatz als Minimal Art. Tagwerker stellt mit diesen Arbeiten keine Lösungen
vor, sondern Fragen, Projek-tionsdinge, in die wir uns dann einklinken,
damit arbeitet er. Da klinke ich mich jetzt mit meinem Denken ein, so
wie jeder andere hier, und das gibt dann immer andere Resultate. Das
ist die strukturelle Offenheit der Rezeption.
Welzer: Ist es nicht vielleicht ein Problem, dass man sich diese Offenheit
gar nicht gestattet, sondern so-fort immer interpretiert, wie wir es
hier jetzt auch tun, und es gar nicht für möglich hält,
dass sich irgendetwas nicht erschließen lassen könnte, dass
vielleicht sogar die Qualität einer Ausstellung darin bestehen
könnte, dass sie sich nicht vollständig erschließt.
Es ist nun mehrfach versucht worden, mit Bezugnahmen auf Minimalismus,
Architektur und so weiter eine Klammer für Tagwerkers Arbeiten
zu finden. Aber vielleicht versuchen wir da etwas, was möglicherweise
ganz disparat ist und sein soll, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen,
der unangemessen ist. Das ist so eine Automatik der Sinnproduktion.
Irgendwie kann man es kaum aushalten und will es Gerold auch nicht zumuten,
dass man sagt: Das ist eine völlig disparate, heterogene Ausstellung,
diese Sachen haben ja miteinander gar nichts zu tun. Der Gedanke, das
überhaupt für möglich zu halten, könnte ja auch
als Eingehen auf Tagwerkers Angebot verstanden werden, seine Ausstel-lung
erstmal einfach so dastehen zu lassen. Ich meine, das könnte seiner
Intention eventuell an-gemessener sein, als gleich daherzugehen und
zu sagen: Ich verstehe das so und so.
Fuchs: Man geht hin, sieht, dass die Dinge disparat sind, man versucht
den Punkt zu finden, ordnet Bedeutungen zu, aber das befreit in einem
gewissen Sinne diese Dinge wieder. Es kristallisiert sich heraus, dass
viele Dinge nicht mit Sprache oder Vermittlung zu begreifen sind. Es
sind letztlich visuelle Fakten, die man wahrzunehmen hat. Es wäre
Unsinn zu sagen: Es ist wichtig, immer die Sachen auf ihren Punkt zu
bringen, immer die Struktur zu finden...
Welzer: Aber das ist, was passiert. Das ist wie mit dem Pavlov‘schen
Hund. Das ist, was man unwillkürlich tut, sobald man einen Ausstellungsraum
betritt. Man erwartet auch von sich selbst, dass man das irgendwie sinnhaft
schließen kann. Man kann sagen: Das ist Mist. Aber das ist genauso
ein ge-meinsamer Nenner wie man sagt: Das geht wunderbar zusammen. Primär
ist es eine eigene Sinnproduktion, die da herangetragen wird. Die Frage
bei dieser Ausstellung wäre: Gehört das überhaupt zusammen?
Im Grunde genommen könnte das eine Gruppenausstellung von ganz
unterschiedlichen Subjekten sein. Es könnten fünf Künstler
sein, die das hier gemacht haben. Das kann denkbar sein, das kann ich
mir vorstellen.
Achleitner: Ich glaube, dass eine Arbeit schon etwas aus dem Kontext
herausfällt – das sind die Fotos mit Architektur. Was diese
Arbeiten für mich verbindet, ist das Materiale, das Strukturelle,
die Tiefe, die Regelmäßigkeiten, Zufälligkeiten der
Spiegelung oder die Rolle, die der Raum spielt. Das ist wunderschön,
mehr noch, wenn das Zufallsmoment hinzu kommt. Aber da wird es dann
auch schwierig. Das ist zunächst einmal die an sich grausliche
Architektur, die fotografiert wird. Außerdem ist es ein wichtiger
Aspekt, dass man in die Bilder ›hineingehen‹ kann, also
die Größe des Formats, wodurch man sozusagen den Umraum verliert
und man nur mehr mit einer Struktur konfrontiert ist, die aber wiederum
nur fotografierte Fläche ist. Das ist eine sehr verschiedene Wirklichkeit
zu den anderen Arbeiten der Ausstellung. Die Architektur ist eigent-lich
nur ein Vorwand. Sie ist als Realität nicht mehr vorhanden, sondern
eben nur mehr als Abbildung, als komprimierte, fokussierte und gewissermaßen
›abstrakte‹ Wirklichkeit. Die Verbindung zu den anderen
Arbeiten könnte dort liegen, wo die Größe der Bildflächen
eine eigene Realität erzeugt. Ich frage mich jetzt, wie diese Beziehung
aussieht.
Fuchs: Für mich ist die Qualitätsfrage der abgebildeten Architektur
jetzt gar nicht so ent-scheidend. Mir erscheint es wesentlich, bei diesen
Fotos zu beachten, ob das Foto wirklich nur ein Foto ist oder wie hier
auch ein Ding. Wobei noch dazu kommt, dass das Motiv im Bild ziemlich
gegen die Fläche arbeitet. Es ist wie ein explizites Klappen in
den Raum. Es wird dauernd räumliche Realität auf dieser Fläche
suggeriert, es hat eine unglaubliche Stärke und eine unglaubliche
Kraft. Das wird nochmals wiederholt und verdeutlicht durch dieses An-lehnen.
Das Ding hat ein Gewicht, es lehnt, es hat eine Statik. Es ist auch
kein Zufall, dass das Schwarzweißfotos sind. Tagwerker erzählt
mir so nicht über ein bestimmtes Bauwerk, sondern über eine
Struktur. Er benutzt Architektur als Strukturmotiv.
Kos: Bei diesen Gebäuden geht es offenbar auch um eine Art Rüstung,
eine Haut, eine Art Panzerung, die wie ein Kettenhemd aus verschiedenen,
industriell gefertigten Elementen besteht, ähnlich wie Tagwerkers
Objekte. Es gibt also ein Gesicht der Dinge, eine Außenzone. Man
fragt sich dann auch, wie viel Zufall ist in solchen Gestaltungen enthalten,
wie viel Funktionalität zum Beispiel bei Verpackungen oder Ähnlichem.
Darum komme ich zurück zur Frage: Wo findet oder auf Grund welcher
Fragestellung findet ein Künstler diese Wahlverwandtschaften, die
ml;gt. Was einem einmal auffällt,
sieht man dann auch immer wieder. Bei einer Idee für eine Arbeit
selektiere ich dann verschiedene Konzeptionen, bis ich mich für
eine entscheide und sage: Das steht sich dafür. Und dann fange
ich an, die Arbeit zu realisieren.
Kos: Diese Affinität muss aber eine gewisse Intensität haben,
wenn sie sich meldet. Es ist nicht ein dauerndes Suchen und ein dauerndes
Finden.
Tagwerker: Das kann es gar nicht sein...
Kos: Weil dann wäre es ja nicht mehr bearbeitbar. Das würde
dann in Geröll und in Chaos enden. Also gibt es dann doch wieder
eine Reduktion. So wie ein Fischer nicht jeden Fisch nimmt, den er fängt,
sondern viele wieder zurückschmeißt.
Achleitner: Das ist ja das Spannende, dass aus einer Alltäglichkeit,
die man nicht wahrnimmt, etwas herausgenommen und in einen anderen Zusammenhang
gestellt wird, wodurch es seine oder neue Qualitäten preisgibt.
Der Künstler macht da etwas sichtbar, was ein Ding vordergründig
nicht hat. Wie die Manipulation hier, dass in das Innere einer Kabelrinne
Licht kommt und damit die Struktur etwas ganz anderes leisten muss und
sich dadurch auch in ihrer Erscheinung total verändert.
einer Idee für eine Arbeit
selektiere ich dann verschiedene Konzeptionen, bis ich mich für
eine entscheide und sage: Das steht sich dafür. Und dann fange
ich an, die Arbeit zu realisieren.
Kos: Diese Affinität muss aber eine gewisse Intensität haben,
wenn sie sich meldet. Es ist nicht ein dauerndes Suchen und ein dauerndes
Finden.
Tagwerker: Das kann es gar nicht sein...
Kos: Weil dann wäre es ja nicht mehr bearbeitbar. Das würde
dann in Geröll und in Chaos enden. Also gibt es dann doch wieder
eine Reduktion. So wie ein Fischer nicht jeden Fisch nimmt, den er fängt,
sondern viele wieder zurückschmeißt.
Achleitner: Das ist ja das Spannende, dass aus einer Alltäglichkeit,
die man nicht wahrnimmt, etwas herausgenommen und in einen anderen Zusammenhang
gestellt wird, wodurch es seine oder neue Qualitäten preisgibt.
Der Künstler macht da etwas sichtbar, was ein Ding vordergründig
nicht hat. Wie die Manipulation hier, dass in das Innere einer Kabelrinne
Licht kommt und damit die Struktur etwas ganz anderes leisten muss und
sich dadurch auch in ihrer Erscheinung total verändert.
Kos: Plötzlich wird es Licht – wie bei einem Zelluloidfilm
– durch diese Perforierung ...
Tagwerker: Ich möchte nochmals die Fotos in diesem Kontext ansprechen
und versuchen, eine offene Frage zu beantworten. Ich arbeite an dieser
Serie seit mittlerweile 1995, und es ist ein großes Archiv von
Architekturaufnahmen entstanden, die ich bei Stadtwanderungen in verschiedenen
Städten gemacht habe. Diese Fotos sind nun als kleine Prints in
einer Art Zettelkasten sortiert, den ich mir immer wieder durchsehe
und nach Affinitäten zu anderen Arbeiten untersuche, versuche Bezüge
zu finden und in Ausstellungen oder Ensembles dann in Beziehung stelle.
Diese Architekturen, die keine Starqualitäten besitzen und die
man in keinem Architekturführer findet, faszinieren mich in ihrer
Kühle und Anonymität, in ihrer Langeweile und Banalität,
der unendlichen Aneinanderreihung von ein und demselben Element –
natürlich schätze ich an Architektur ganz andere Qualitäten,
aber das ist bei diesen Arbeiten nicht der Punkt –, ich will diese
Architekturen ja auch nicht heroisieren, sondern verwende sie lediglich
als Material, als Strukturen, die ich in Details aus einer realen, banalen
und alltäglichen Welt aufnehme. Und ich realisiere sie dann als
diese trashigen Schwarzweiß-Prints, die auf eine einfache Homogenplatte
kaschiert werden. Mich interessieren im Kontext eines solchen Ensembles
wie dieser Ausstellung dann die Assoziationen, die passieren, wenn man
hin- und hergeht zwischen einzelnen Arbeiten einer solchen Inszenierung.
Fuchs: Das ist genau der Punkt der Funktion, der Funktionalität.
Diese Dinge erinnern an irgendwelche Geräte. Architektur ist ja
auch ein funktionales Phänomen. Oder auch diese Plastikfolien,
wie die aufgehängt sind ...
Kos: Also die erinnern mich funktional an nichts.
Fuchs: Nein, dass das so expliziert ist, dass das an der Wand hängt,
dass man eine Öse braucht, damit das nicht ausreißt. Damit
ich sofort kapiere, das hat einen Sinn, eine Funktion.
Kos: Für mich sind diese Plastikbahnen mit Ösen das Rätselhafteste
in der Ausstellung. Komischerweise sind diese Planen für mich am
weitesten weg von der Lebenserfahrung. Ich weiß nicht warum.
Fuchs: Tagwerker bringt sie natürlich wirklich weg vom Alltag,
aber es bleibt was drinnen davon.
Achleitner: Für mich gibt es ein Geheimnis in dieser Arbeit. Wenn
ein Stoff über etwas gespannt wird, entsteht bei den eingezogenen
Knöpfen der bekannte ›Polstereffekt‹. Aber diese Plane
hängt hier völlig frei. Durch die Schwerkraft entsteht eine
ähnliche Bombierung wie beim Tapezieren. Aber die Stifte ziehen
den Kunststoff nicht einmal an die Wand. Nur durch die Schwerkraft hält
er. Das ist fast ein Wunder, sozusagen ...
Tagwerker: Das ist ja eine Funktion der Öse, etwas aufhängbar
oder spannbar zu machen.
Achleitner: Aber wahrscheinlich entsteht die Spannung nicht dadurch,
dass der Stoff befestigt ist, sondern dass er nur hängt und dass
die ›Fläche‹, die ein Gewicht hat, sich ausbaucht.
Bei den Spiel gelungen sieht man ganz genau, wie dieses Kraftfeld um
die Nägel herum die Fläche total verändert. Das ist,
wenn man will, eine physikalische Demonstration von ganz bestimmten
materiellen, statischen Zusammenhängen.
Fuchs: Man sieht da genau an der Beschreibung, der Interpretation, wie
man das Material zu beachten beginnt und wie man zu beachten beginnt,
wie das Material funktioniert in diesem konstruierten Zusammenhang.
Das habe ich mit Funktionalität auch gemeint.
Kos: Das heißt, es ist ein ernst zu nehmendes Material. Es wird
ein Formschema angeboten, damit ich es erkunden und untersuchen kann.
Fuchs: Der Alltagsfunktionalismus bedingt ja auch, dass diese Dinge
gewöhnlich nicht mehr wahrgenommen werden. Ösen und Nägel
– die funktionieren, aber verschwinden auch – so wie die
Sprache, die benutzt man, aber sie verschwindet gleichzeitig als reales
Ding, reales Medium aus dem Bewusstsein. Oder auch das Klebeband –
das Klebeband benutzt man, weil man damit etwas anklebt. Aber was heißt
das, wenn jemand ein Klebeband nimmt und buchstäblich dem Klebeband
eine Abbildung verschafft, indem er es an die Wand klebt. Das expliziert
sozusagen die Funktiona-lität eines Materials, gerade weil es nicht
als Mittel zum Zweck benutzt wird.
Kos: Mir kommt vor, dass sich ein gewisser Mainstream in der Kunst entwickelt
hat, dort wo es in Richtung Skulptur, Raum und Räumlichkeit geht.
Es ist so, als ob man sich kaum mehr andere Aus-gangspunkte für
eine gelungene Arbeit vorstellen könnte als vorgefundene, aus Kontexten
herausgenommene, uminterpretierte Materialien. Solche Geschichten gab
es schon vor zehn Jahren – die Großskulpturen aus Einkaufswagen
in Berlin von Olaf Metzel, ich denke auch an eine der interessantesten
neu angekauften Arbeiten im Wiener Museum für Moderne Kunst, Rosa
El Hassans Arbeit mit Haltegriffen aus öffentlichen Verkehrsmitteln.
Es fallen mir kaum mehr Arbeiten ein, die autonom aus auratischen Materialien
entstehen, sozusagen offene Materialien, die auf eine künstlerische
Bearbeitung warten, wie Stein oder Holz.
Tagwerker: Gibt es das noch – ›auratische Materialien‹?
Kos: Sicher, expressionistische Maler haben eine Zeit lang Holzskulpturen
à la Polynesien gehackt. Was mich interessiert ist: Reizt es
nicht mehr, Kunst aus Rohmaterial herzustellen? Könnte das nicht
interessant sein, als Kontrast zu all den gefundenen Materialien?
Fuchs: Bis in die sechziger Jahre hat man Stein oder Metall verwendet,
um etwas anderes damit zu machen. So wie man mit Ölfarben Köpfe
malte und mit Holz oder Stein Nackte gestaltete. Das ist damals als
eine Verlogenheit interpretiert worden. Dieser Hang zur Reflexivität
des Materials selbst, zu seiner Geschichte und seiner Funktionalität,
das ist etwas, was du nun als Mainstream bezeichnest.
Achleitner: Das ist natürlich genauso ein architektonisches Thema.
Auch Architekten versuchen Materialwir-kungen zu erfinden, Oberflächen
neu zu sehen oder neu zu kombinieren oder sie aus ihren alten repräsentativen
Rollen herauszulösen. Für mich ist es schon ein sehr weiter
Weg, wenn man mit Ösen und einer Plastikplane diese Wirkung erreicht.
Solche Arbeiten sind für mich enorme Erfindungen.
Kos: Also das Finden reicht nicht, dann kommt erst das Erfinden?
Fuchs: Gerold, du arbeitest doch auch mit Bildbegriffen, Medienbegriffen.
Du siehst auch Dinge in der industriellen Realität unter bestimmten
medialen Aspekten. Wie stehst du zum Beispiel zur Ölmalerei?
Tagwerker: Auratisch bezeichnete Materialien könnte man also noch
als solche beschreiben, die man so behandelt, dass daraus eine neue
Form entsteht. Oder eben bei Ölmalerei verwendet man ein Mal-material
in Form flüssiger Farbe auf einem Träger, um daraus ein Bild
entstehen zu lassen. Mich interessiert bei meiner Arbeit dieser Umgang
so nicht, obwohl ich viele solcher Arbeiten sehr schätze. Ich möchte
aber nicht selbst mit einem artifiziellen, künstlich-künstlerischem
Material arbeiten, sondern hantiere lieber mit alltäglichen, sozusagen
vertrauten Materialien. Da können sich manche dann als Materialien
mit quasi malerischen Qualitäten erweisen und auch so eingesetzt
werden.
Welzer: Das möchte ich doch kurz fragen, weil das beschäftigt
mich schon die ganze Zeit: Was ist dann Materialgerechtigkeit?
Fuchs: Ich habe die Gegenvorstellung formuliert mit den bronzenen Nackten.
Materialgerechtigkeit ist noch keine präzise Definition. Material
kann in vielerlei Hinsicht eingesetzt werden, aber es kann auch in einen
reflexiven Prozess verwickelt werden durch verschiedene Arten von Anbringen,
der Verarbeitung oder Gestaltung. Materialgerechtigkeit ist vielleicht
auch als Kampfbegriff zu verstehen in Hinblick auf Materialungerechtigkeit.
Der Begriff ist nicht wirklich scharf definierbar.
Achleitner: Wenn Tagwerker statt diesen Ösen nur Löcher gestanzt
hätte, dann würde das alles aufreißen.
Welzer: Genau, aber dann sehe ich ja auch, dass das Material so und
so arbeitet. Der Effekt wäre genau der gleiche wie wenn man sagt:
Ich hänge es nicht auf Ösen, sondern lasse es sich verziehen
oder schlaff runterhängen.
Achleitner: Dann wäre er ein Prozesskünstler ... (lacht)
Welzer: Eben, aber ich wollte sagen, dass mich beim Wort ›Materialgerechtigkeit‹
das Pathos stört. Als hätte das Wort eine Bestimmung in sich
selbst, der man gerecht werden kann und soll. Das hat auch so was Didaktisches.
Warum soll man dem eigentlich gerecht werden?
Fuchs: Es ist natürlich keine reine Selbstbeschreibung des Materials
um der Selbstbeschreibung willen. Wenn man in historischen Bezugsfeldern
– zum Beispiel an Robert Morris und seine Filzmatten – denkt,
wo bestimmte Kausalität ins Kunstwerk hineinkommt. Bei Morris ist
es nicht nur so, dass er das Material aufhängt, und das fällt
dann irgendwie. Er setzt bestimmte Schnitte. Er gibt also ein gewisses
Konzept vor, eine ästhetische Leistung. Er präformiert ein
bestimmtes ästhetisches Resultat. Das Material tritt nicht immer
nur in einem Zusammenhang auf. Ein neutrales Material für sich
gibt es nicht. So, wie es eine neutrale Sprache nicht gibt. Es gibt
immer nur Verwendungs-zusammenhänge, die ein Ding definieren. Für
mich sind diese Ösen genau der Moment, diese Relationalität
einer Definition, die in das Material hineingebracht wird. Auch wenn
es nur aufgehängt wird, ist das eine Definition, die dem Material
widerfährt.
Kos: Es gibt also kein vorgegebenes Material mehr, aber es gibt einen
vorgegebenen Raum. Das ist die leere Galerie, in der theatralisch agiert
werden kann. Das hier ist eine Ausstellung, die mit diesem Potenzial
agiert. Wir können uns kaum eines der gezeigten Objekte in einer
Pizzeria oder im Baumarkt vorstellen – das geht nicht –,
man kann sie nicht rücktransferieren in ein ungeordnetes Umfeld.
Sie brauchen Ordnung als Umfeld, um dann ihre spezielle Poetik ausagieren
zu können. Sie können in der Wildnis nicht bestehen.
Fuchs: Im Grunde sind das Ordnungssysteme. Es sind Definitionen. Definitionen
dessen, was sonst aus dem Bewusstsein verschwindet. Dass Material immer
in einer bestimmten Konstellation und Funktionalität auftaucht,
nimmt man ja nicht mehr wahr, es ist aber immer so. Der Künstler
gibt dem Material eine Struktur auf eine Art und Weise, die diese Struktur
deutlich wahrnehmbar macht. Das ermöglicht Reflexivität. Das
ist ein Ordnungssystem. Der Baumarkt ist sozusagen schon geordnet, aber
er ist keine explizite Ordnung, keine thematisierte Ordnung und keine
Darstellung einer Ordnung.
Kos: Die Frage von kunsthistorischen und historischen Museen ist, was
sie heute sammeln sollen. Schauen wir einmal, wenn ein Supermarkt schließt,
und dann kaufen wir alle Produkte von diesem Tag, aber es wird noch
fünfzig oder hundert Jahre brauchen, bis diese Dinge so exotisch
sind, dass jemand bereit ist, sie mit einem Museumsblick anzuschauen.
Durch einen Kaufmannsladen, der 1962 zugesperrt hat, geht man bereits
mit einem gewissen Interesse hindurch. Bist du Sammler? Oder besorgst
du gezielt das, was du dann verarbeitest?
Tagwerker: Es hat doch fast jeder so einen Hang zum Sammeln von allem
Möglichen, das fängt mit einer Art von Ansammlung an, die
dann als solche präsent wird und eben irgendwann sortiert werden
muss. Aber ich bin keiner, der aus Passion und purer Lust Dinge sammelt
und sie mit nach Hause nimmt. Da muss etwas schon sehr reizen oder eben
eine Idee provozieren, dass ich zugreife. Diese Dinge liegen dann zum
Teil sehr lange herum, bis ich sie wirklich für was verwende, wie
auch die Fotos erst mal in einer Schachtel sortiert und sozusagen archiviert
werden, bis man sie dann mal herausholt.
Ich identifiziere mich aber eigentlich mit einem Verhalten, bei dem
man davon ausgeht, dass Dinge irgendwo auf Lager liegen und man sie
dann besorgt, wenn man eine konkrete Idee hat und weiß, wofür
man sie braucht und was man damit anfangen könnte.
Kos: Eine These wäre also: Um so alltäglicher die Quellen
sind, die ich als Künstler benütze, um so wichtiger wird der
Umwandlungsprozess. So wie die Malerei, die eigentlich nichts anders
ist als Leinwand plus chemische Substanzen, die dann auf Grund kultureller
Prägungen als irgendwas erkannt wird. Seit es Kunst gibt, geht
es darum, etwas anderes aus etwas zu machen. Ob das jetzt Dichtkunst
oder bildende Kunst ist... Meine These ist jetzt diese: Um so mehr ich
am Unscheinbaren ansetze, um so stärker wird der Akt des Umwandeln,
des neu Machens. Und daraus entsteht dann eine Setzung, die grundsätzlwo dieses Vorhängen, Verhängen
und das Einwickeln viel zentraler ist als in unserer. Ich war in einem
islamischen Staat, wo ich plötzlich bemerkt habe, dass es kein
modernes Gebäude gibt, bei dem nicht Blendfassaden wie Schleier
vorgehängt sind. So, als ob ein fünfzigstöckiger Bau
einen ornamentalen Schleier trägt. Ornament ist nicht nur ein reines
Regelsystem, sondern Ornament hat meistens auch eine Funktion –
wie hier, wo es eine Schicht- und Schutzzone gibt.
Fuchs: Das ist eine sehr rationale Form von Ornamentik, vom Begriff
des Ornaments aus betrachtet. Insofern ist es eine sehr zeitgemäße
Form von Ornamentik.
Achleitner: An sich nicht, man muss untersuchen, wie so ein Quasi-Ornament
nicht aus ornamentalen Grün-den, sondern aus funktionalen entsteht.
Ich kann es natürlich aber auch als reines Ornament lesen.
Fuchs: Insofern Ornamente als vorgeblich inhaltsfreie Formen eigentlich
immer sehr genau über eine bestimmte Ideologie Bescheid geben.
Ornamente haben diese Funktion. Diesen Ornamentbegriff habe ich damit
gemeint.
Achleitner: Das ist eine gewisse Gefahr bei diesen Fotos. Dass deren
Struktur eben nus Einwickeln viel zentraler ist als in unserer. Ich war in einem
islamischen Staat, wo ich plötzlich bemerkt habe, dass es kein
modernes Gebäude gibt, bei dem nicht Blendfassaden wie Schleier
vorgehängt sind. So, als ob ein fünfzigstöckiger Bau
einen ornamentalen Schleier trägt. Ornament ist nicht nur ein reines
Regelsystem, sondern Ornament hat meistens auch eine Funktion –
wie hier, wo es eine Schicht- und Schutzzone gibt.
Fuchs: Das ist eine sehr rationale Form von Ornamentik, vom Begriff
des Ornaments aus betrachtet. Insofern ist es eine sehr zeitgemäße
Form von Ornamentik.
Achleitner: An sich nicht, man muss untersuchen, wie so ein Quasi-Ornament
nicht aus ornamentalen Grün-den, sondern aus funktionalen entsteht.
Ich kann es natürlich aber auch als reines Ornament lesen.
Fuchs: Insofern Ornamente als vorgeblich inhaltsfreie Formen eigentlich
immer sehr genau über eine bestimmte Ideologie Bescheid geben.
Ornamente haben diese Funktion. Diesen Ornamentbegriff habe ich damit
gemeint.
Achleitner: Das ist eine gewisse Gefahr bei diesen Fotos. Dass deren
Struktur eben nu Es gibt Leute, die alles interessant finden, wenn jemand ihnen dabei
hilft, diese Sachen scharf oder präzis zu machen.
Schuler: Man muss dafür auch bereit sein.
Kos: Ja klar, Kunst ist auch eine Schule, um dafür bereit zu werden.
Fuchs: Kunst als angewandte Philosophie oder als angewandtes Denken,
materialisiertes Denken. Es geht ja beim Sprechen darüber darum,
dass man verschiedene Schichten ablöst von einem Ding, Distanz
zu dem Ding gewinnt, um es auch wieder in den Blick zu bekommen.
Kos: Es ist schon wie beim Froschkönigmärchen. Wenn sich jemand
den alltäglichen und nichthinterfragten Dingen zuwendet und diesen
eine gewissermaßen zärtliche Aufmerksamkeit entgegenbringt,
mit ihnen Experimente durchführt, sie analysiert und befragt, dann
erlöst er sie aus ihrer Nichtvorhandenheit, aus ihrer Verschüttetheit.
Achleitner: Dass ein Aspekt verschwindet oder eben erscheint. Erst durch
die Beschreibung der Bilder kommt vieles, Schicht für Schicht heraus.
Erst wenn man ein Ding beschreibt oder beschreiben muss, kommt man drauf,
wie vielschichtig die einfachste Sache ist oder sein kann.
d ihnen dabei
hilft, diese Sachen scharf oder präzis zu machen.
Schuler: Man muss dafür auch bereit sein.
Kos: Ja klar, Kunst ist auch eine Schule, um dafür bereit zu werden.
Fuchs: Kunst als angewandte Philosophie oder als angewandtes Denken,
materialisiertes Denken. Es geht ja beim Sprechen darüber darum,
dass man verschiedene Schichten ablöst von einem Ding, Distanz
zu dem Ding gewinnt, um es auch wieder in den Blick zu bekommen.
Kos: Es ist schon wie beim Froschkönigmärchen. Wenn sich jemand
den alltäglichen und nichthinterfragten Dingen zuwendet und diesen
eine gewissermaßen zärtliche Aufmerksamkeit entgegenbringt,
mit ihnen Experimente durchführt, sie analysiert und befragt, dann
erlöst er sie aus ihrer Nichtvorhandenheit, aus ihrer Verschüttetheit.
Achleitner: Dass ein Aspekt verschwindet oder eben erscheint. Erst durch
die Beschreibung der Bilder kommt vieles, Schicht für Schicht heraus.
Erst wenn man ein Ding beschreibt oder beschreiben muss, kommt man drauf,
wie vielschichtig die einfachste Sache ist oder sein kann.
Das Gespräch fand am 1. September 1999 im Rahmen der Ausstellung
›neunundneunzig‹ von Gerold Tagwerker in der Galerie Grita
Insam, Wien statt;
Redaktion: Dieter De Vlieghere.
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Recycling
Minimalism? top
A conversation with Romana Schuler, Rainer Fuchs, Friedrich Achleitner,
Wolfgang Kos, Gerold Tagwerker, Harald Welzer
Schuler: While preparing for this conversation I came across a remark
by Ludwig Wittgenstein that Donald Judd once quoted in a lecture on
art and architecture in the eighties: ›It is difficult to start
at the beginning without trying to go back still further.‹ One
could use this statement to open our discussion. Should we see a connection
between this show and the Minimal Art of the sixties – as suggested
by the title – we should perhaps first look at it's art more closely
and compare it to that of the nineties in order to put Gerold Tagwerker's
work in an historical perspective. Beginning in the sixties, Minimal
Art was seen right through the seventies until the beginning of the
eighties as a movement restricted to the themes of art and critical
of traditionalism in art. But the sixties were also a highly political
decade full of strife: the civil rights movements, student agitations
and protests against the Vietnam war. Since several proponents of Minimal
Art were politically active, younger artists saw their art to be as
political as the art of the Russian Revolution. The discourse and ideas
of the nineties, on the other hand, were entirely different.
Fuchs: Detecting the connection between Minimal Art and Gerold Tagwerker's
work seems particularly interesting to me. Obviously, because of the
way Minimal Art has been received so far one can interpret it in several
manners. No doubt, the sixties strived for highly significant political
goals and challenged the paradigms of the times as well as certain forms
of traditionalism. As far as this is concerned, one could call Minimal
Art political, but it should still be seen in the context of the sixties
and the seventies. ›Perceiving perception‹, that is, a perception
of the Self, was another important aspect. The viewer was seen as the
co-constructor of the object, in a sense, the work itself was conceived
to make perception a conscious act. This theory of perception has been
modified since then. One used to assume that a subject, such as a neutral
observer (a kind of ontological, physiological act of view-ing), existed.
Of course, this theory was revised later. Perception is not a purely
physiological act but is also determined by social aspects. Several
theories upheld in those days did not prove sustainable. Donald Judd's
statements, in particular, prove that such assumptions ultimately outlive
themselves. All that solemnity and non-relation, the refusal to compose
and the emphasis on an aura couldn't really prevail. Minimal art works
have become icons of art history, and what one may call ›glory‹
can be felt in the presence of such exhibits. When one looks back at
Tagwerker's earlier works, one doesn't sense an inhibition toward any
particular medium. The refusal to paint was the paradigm in those days.
According to Judd, anything that protruded less from the wall than its
height was painting and whatever protruded more than its height was
an object. Painting eventually abandoned the wall and entered the room
as object. Even this is no longer the theme today, which makes other
forms of discussion possible. Let's look at Tagwerker once again. He
shows us that the material itself and the way it is used lends new body
to the picture. As in his striped paintings in the middle of the nineties,
he redefines painting by placing both the material and the picture in
a different context. With the change in context, the artworks represent
a different notion of pluralism in art; of articulation; of discoursiveness
as well as new linguistic dimensions.
In those days the attempt was to strip art bare of all narrative or
referentiality. This counter-position to European art was an essential
and manifesto-like stance for the artists then. This is only comprehensible
within an historical context and is no longer important for artists
like Tagwerker.
Achleitner: There are two things I would like to add here. In ›Open
Artwork‹, published in 1962, Umberto Eco assigned a major role
to the recipient. But I'm also reminded of serial music of the late
fifties and early sixties. This is only partially true in that context
because the element of chance does not play such an imPORT 62,178,191,169,129,12
related to environment,
ecological problems and
squatting, but I was not in the foray. There were no wars then, but
much rather acts of solidarity. In the late eighties or in the nineties
art itself wasn't directly involved in any conflict that was ex-pressed
in manifestos or dogmas. However, as somebody who was never confronted
with any form of combat, such attitudes always fascinated me because
all I was confronted by was an ›anything goes‹ -attitude
in art.
Kos: A desire to take a stand?
Tagwerker: Yes, a desire for a stand, so to speak, for political visions,
objectives perhaps ... (laughs)
Schuler: So there are no prophets any more such as Beuys was in the
sixties – whom they still go on and on quoting . He was the classical
prophet, a mystic...
Tagwerker: Judd was also one, even if he belonged to another camp. Such
prophets can fascinate even today, if only as living legends –
and that also makes one sceptical. Russian Revolution art and Minimalism
really fascinated me during my student years. Apart from the fact that
cyrillic logos and emblems became so chic in those days, even the critical
attitudes of these movements become lack lustre and transparent when
you look at them more closely. Even so, I feel a great affinity to attempts
at deglorifying and democratizing art. That's why we chose to call this
discussion ›Recycling Minimalism?‹ I juggle around with
similar ideas in my work, that also implies that I am aware of them.
I have a very playful approach to art without the ideological solemnity
of a manifesto artist.
Achleitner: Wasn't it the demands made on ›art‹ by the recipients,
who led to this glorification – more than the artists themselves?
On the other hand, Donald Judd's furniture rids itself of its function
but doesn't become auratic. But even so, when it is grouped together
in a show, one feels as though one's walking through a chapel.
Schuler: The moment one puts something in a gallery or in a museum,
one runs the risk of never deglori-fying it.
Fuchs: I think other factors also play a role. To begin with one has
to contend with the art market, and then in the sixties one was revolting
against something. The artists didn't want to be only destruc-tive,
they staged themselves as the new heroes. They did it really well and
to some extent even succeeded in their attempt. If someone ultimately
manages to reach a certain level in the hierarchy of self-historicization
and becomes conspicuous because of the new standards he sets, then he
and what he does both attain importance. Reactions like, ›This
is something significant. He can't just happen to be where he is‹,
result. The sum of several factors determines the ›value‹
of the work. The awareness of this value, too, makes all further production
and reception lucent. One could call this the basis of all auratic presence.
Things work and gain meaning in a social and his-torical context, they
accrue what one calls an elite status and an ›aura‹. The
art market is a crucial factor in this entire machinery.
Whenever I read the texts by these artists, on the battles they fought,
I find it hard to believe that they desired democracy so much as to
be completely assimilated in the masses and not be no-ticed anymore.
This is mere romantic fiction.
Kos: The younger artists do seem to be fascinated by all the dissidence
in the mid-sixties. Take for instance the psychedelic phenomena in the
techno and remix scene recently. Just think of the light shows where
a chemical fluid is projected onto the walls through tiny plates of
glass. The image changes every split of a second and can never be repeated.
Once started, these forms become absolutely uncontrollable. I am thinking
of Ugo Rondinone who's not ironical at all – or Pipilotti Rist.
Her early videos really fascinated because they were so evocative of
the glimmering, floating, out of focus quality of the sixties –
terribly emotional, to the point of being kitsch. Funnily enough, it
was an out-of-control play of colour, sound and smell that led to a
complete muddle. On the other hand, in the late sixties there was this
attempt at clarification, precision, a kind of formal and material fetishism.
There does seem to be a common denominator: breaking bounds and the
dissolution of everyday banality. Everything was ›mystical‹,
from the hippie stuff to the rigidly formal. A whole lot of other, important
movements followed, IKEA for example. How far are we conscious of this
excess of materials we are deluged in? I mean, at what point do we as
conscious individuals find it impossible not to lash about like kids
in a big pool where just about everything exists.
Tagwerker's work reveals an awe at what one can do with all that found
stuff – he sort of revels in the abundance of options. One senses
the appeal of all the stuff, that just about everything is fascinating.
The decisive question for this generation of artists must necessarily
be, ›How do I select, where do I draw limits and how can I prevent
myself from getting lost in all this abundance?‹ Perhaps the difference
between good and not so good art depends on this question.
Schuler: I have watched Gerold's work over the past few years and noticed
with what logic he has followed it. He started with the drawings and
went on to the wood and later adhesive tape work, which began as rectangular
pictures and then extended to the wall and finally into space. I spoke
of the step toward ›sculpture‹ because, as a reflection
the viewer became part of the picture and moved about in these strips.
I see a distinct and important new development in this show, a major
change. Was it because you became deeply interested in architecture
and worked with architects?
Tagwerker: That probably is the reason. I worked with architects quite
a lot in the past few years or participated in their projects as artist,
let's say, as art consultant. A new view on various things opened up.
Alongside the aesthetic and formal levels, architecture also includes
the functional aspect. The aesthetic quality and effect of materials,
particularly in the case of industrial products and mate-rials, also
comes in. These aspects definitely fascinated me and have surely flowed
into my work.
Fuchs: When I call the tape pictures to mind, I see a wide range of
approaches to the works on exhibit here. Tagwerker seems to follow a
system and a structure which he expresses in different ways in his current
work. He uses different materials, different combinations, for instance,
layering and transparency so that the material becomes more explicit.
These strips – on first glance one tends to think they are painted
– are in fact real material. This is actually a contradiction
to fiction that painting creates through colour.
Schuler: You can't identify the material if you haven't seen the originals.
The tapes can be very misleading in reproductions.
Fuchs: In that sense, he leads us onto a number of schemes and propositions,
which may have nothing at all in common on first glance. And then one
starts figuring out where the point of convergence could be. The relation
to architecture is an important basis; that is, thinking in terms of
space and material. Architecture in Tagwerker's work is even more important
than Minimalism. Tagwerker merely poses questions, but gives no answers
in these works. They are projections for us to link with. I can link
with them now in my way, each one of us does that, but the result is
always differ-ent. This is where the structural openness in reception
lies.
Welzer: Isn't it a problem that one never allows this openness because
one starts interpreting immediately – that's what we are doing
right now. We can't accept the fact that somethings defy solutions,
that the quality of an exhibition may be this refusal to be decoded.
We have made so many attempts at categorizing Tagwerker's art as Minimalism
or architecture. It might just be unfair to try to find a common denominator
for very disparate things. The production of meaning functions automatically
in this way. Somehow, we ourselves just don't dare – nor can can
we demand it of Gerold – to say that this is a totally disparate
and heterogeneous show, all these things have nothing at all in common.
By even just allowing this notion some degree of importance, one could
see Tagwerker's show for what it is without trying to interpret it.
I mean, we would understand his intention better if we wouldn't say,
›I discern this or that in it‹.
Fuchs: One goes to the show and sees how disparate the things are, starts
looking for the implications; one begins to decipher, which in a way
also sets these objects free again. What one does realize, is that a
lot of things can neither be comprehened through language nor mediation.
Ultimately they are all visuals facts that one ought to perceive. That
it is essential to see the point in them or to find the structure underlying
them, is sheer nonsense...
Welzer: But that's exactly what always happens. It's like the Pavlovian
dog. It is something one does automatically on entering an exhibition.
One expects of oneself to grasp it logically. One could say, ›This
is rubbish‹. But that is the same as saying, ›This goes
very well together‹. The meaning each of us produces takes on
primary importance. The most important question in this show ought to
be, ›Do all these things fit in at all?‹ For all practical
purposes, it could be a group show on totally disparate subjects. It
could have been done by five different artists. It is quite plausible
and I can well conceive of it.
Achleitner: One work, however, is slightly out of context. I mean the
architecture photography. What is com-mon to it is the material, the
structure, the depth, the uniformity, the coincidental effects of mirror-ing
or the role of space. That's beautiful and is heightened by the element
of chance, which also complicates things. First and foremost, the architecture
itself is horrendous. One important aspect, however, is that one can
practically ›walk into‹ the photographs. The format dissipates
the sur-roundings and one is faced with just a texture, which in turn
is only a photographed surface. This reality differs completely from
that of the other works in the show. Architecture is just a pretext.
It is no longer present as reality but only as its representation, as
a focused, compacted and to some extent an ›abstracted‹
reality. They could perhaps relate with the other works when the size
of format produces another dimension of reality. I now ask myself, what
this relationship is.
Fuchs: To me the quality of the photographed architecture is not so
relevant. I think that it is important to ask oneself if these photographs
are really only photos or are they also things in themselves. Besides,
the motif of the photographs works against the surface. It is like folding
up a room. An incredibly forceful and powerful spatiality is constantly
insinuated by these surfaces. Leaning against the wall repeats and reinforces
this notion. The thing has a weight of its own, it leans – it
is stable. It is no coincidence that the photographs are black and white.
In this way, Tagwerker is not telling me about a specific building but
about a particular texture. Architecture provides him a textural motif.
Kos: These buildings are obviously a sort of armour, a skin, a kind
of shell, something of a chainmail vest made of industrial materials
– like Tagwerker's objects. So things possess a face, an outer
zone. One tends to ask oneself how much chance is contained in these
structures and how much the functionality of packing materials, etc.
That makes me return to my question, ›Where does the artist find
or what questions lead him to find the affinity infinitely present in
commercial products?‹. One can see that the retail objects are
just as fascinating to him as huge structures, such as the multi-storied
administration building.
Tagwerker: Sure, there is such a plethore of materials and prefab products.
A baffling supply of things exists in the DIY or other stores, call
them IKEA or whatever. I delight in the entire range of these supplies.
My own selection is, of course, based on my subjective aesthetic perception
or need. I may see a material whose aesthetic qualities appeal to me
and remember it, perhaps only because I use it all the time –
like adhesive tape or sandpaper. Repeated use or memory of the material
may lead me to use it in my work, or to thematize it. Something in the
subway, or a product in an underground parking lot like a cable canal,
whose perforated ornamentation I might find aesthetically attractive,
may catch my eye and become etched in my mind. If something catches
your eye once you seem to see it again and again. I select various concepts
before doing a work and ultimately decide for one of them because it
speaks for itself. That's how I start a new work.
Kos: When this affinity does emerge, it has to do so with a certain
intensity. Search and discovery don't happen incessantly. One neither
searches nor does one find all the time.
Tagwerker: That is impossible...
Kos: Because you coudn't process it then. It would end in chaos. Well,
there seems to be a need for reduction then – like the fisherman
who doesn't keep every fish he catches but throws several back into
the water.
Achleitner: That's what's |